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08.06.2020

The Blue Note Juni 2020: Mother of all Moral Hazard

Politik und Gesellschaft haben in den letzten 50 Jahren mit einer Kombination aus Kontroll-Illusion und dem «Ideal der komfortablen Stallfütterung» (Wilhelm Röpke) die systemische «Mutter aller Moral Hazard-Situationen» geschaffen. In einem übersteigerten Machbarkeitsglauben fühlten sich staatliche Institutionen dazu bemüssigt, durch prozyklische Fiskalpolitik oder experimentelle Geldpolitik sämtliche Unbill von den Bürgern fernzuhalten. Das unnötige Aufrechterhalten der staatlichen Markteingriffe hat als «Moral Hazard trade» starke Fehlanreize und damit auch zu einer Vermögenspreisinflation geführt. Die Folge war schon vor dem Ausbruch der Corona-Krise ein fragiles Wirtschaftssystem, in welchem Gewinne privatisiert und Verluste dem Gemeinwesen aufgebürdet werden.

In der grassierenden Corona-Krise hat der Staat bislang auch als Versicherer agiert. Das ist grundsätzlich zu befürworten, weil es vernünftig ist, die Wirtschaft als Basis des Gemeinwesens nach einem staatlich auferlegten «Druckabfall» soweit wie möglich am Leben zu erhalten.

In der Ökonomie gibt es das Prinzip des Moral Hazard. Es kommt ursprünglich aus der Versicherungsbranche und beschreibt das Phänomen, dass Individuen sich nach Abschluss einer Versicherung riskanter verhalten, weil sie für den Schaden nur begrenzt einstehen müssen. Das Problem und die Fehlanreize akzentuieren sich noch, wenn vom Staat natürliche oder juristische Personen gerettet («bail out») werden, ohne dass diese eine Versicherungsprämie bezahlt oder selber vorgesorgt haben. Ein solches System ist nicht nachhaltig und sozial amoralisch.

Mit der Corona-Krise kommt die Chance auf ein Revival der bürgerlichen Tugenden. Der Politik fällt die wichtige Aufgabe zu, den Bürgern aufzuzeigen, dass Werte wie Eigenverantwortung, Unternehmertum, Subsidiarität, Gemeinsinn und gesunde Staatsfinanzen eine Gesellschaft stark und widerstandsfähig machen. Das Funktionieren der öffentlichen Institutionen ist kein Naturgesetz, weshalb es umso wichtiger ist, dass eine Gesellschaft kleinteilig und selbstorganisiert ausgestaltet ist. Die Stärkung der bürgerlichen Tugenden führt auch zu einer Stärkung des marktwirtschaftlichen Systems, welches im Stande ist, Krisen zu bewältigen.

In modernen Gesellschaften müssen die Rollen beim Streben nach Glück klar verteilt sein. Je weiter oben sich die Bedürfnisse der Individuen auf der Maslow-Pyramide in Richtung «Selbstverwirklichung» bewegen, desto weniger sind sie ein Problem des Gemeinwesens. Zudem dürfen systemische Probleme durch die öffentliche Hand nicht einfach von Krise zu Krise mit noch mehr Schulden in die Zukunft verschoben werden. Moral Hazard muss mit Moral Chance ersetzt werden! Das magische Wort hierbei lautet: Verantwortung. Alle Wirtschafssubjekte müssen für ihr Handeln und ihre Existenz wieder mehr Verantwortung übernehmen und der Staat muss sich als Versicherer auf die demokratisch legitimierten Funktionen zurückziehen (z.B. Arbeitslosenversicherung, Sozialversicherungen). Private halten sich an bewährte Rezepte wie die individuelle Vorsorge nach dem Prinzip «Spare in der Zeit, so hast du in der Not» oder den Abschluss von individuellen Versicherungen.

Es wäre an der Zeit, das Verhältnis zwischen Bürger und Staat muss mit dem Ziel von widerstandsfähigeren Strukturen in einem positiven Diskurs zu klären. Gelingt dies, haben wir eine enorme «Moral Chance.» Falls nicht, droht unsere Gesellschaft vom systemischen Moral Hazard zerfressen zu werden.

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05.06.2020

Special: Peak IT

In der aktuellen Juni-Ausgabe der Monatszeitschrift "Schweizer Monat" äussert der Gründer von The Blue Finance, Arno Grüter, seine "Peak IT"-These.

Wird der Nutzen von zusätzlicher IT irgendwann einmal negativ?

Lesen Sie hier den Artikel.

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08.05.2020

The Blue Note Mai 2020: Marktwirtschafts-Illusion

Ein berühmter Börsenspruch lautet: «Don’t fight the FED». Er meint, dass man sich an den Märkten nicht gegen die Massnahmen der Federal Reserve, der US-Notenbank stemmen soll, weil diese immer gewinnt.

Die Vorkommnisse in den vergangenen Monaten haben gezeigt, dass dieser Spruch immer mehr gilt. Die US-Notenbank hat Stützungs- und Kaufprogramme in Billionen-Höhe angekündigt und auch schon mit der Umsetzung begonnen. Sie kauft beispielsweise Obligationen direkt am Markt. An dieser Stelle wurde bereits mehrfach beschrieben, dass die massiven Eingriffe der Notenbanken in den Markt bereits vor der Corona-Krise zu enormen Verzerrungen und zur krassen Verfälschung von Preissignalen geführt haben. Ich bin dezidiert der Meinung, dass diese Politik schon seit längerem hätte rückgängig gemacht werden sollen, weil sie auch zu falschen Anreizen führt («Moral Hazard»).

Finanzphilosophisch stellt sich nun die Frage: Was bedeutet es, wenn faktisch die Notenbanken bestimmen, wie sich der Markt verhält?

Zuerst einmal ist dies eine Einladung zu noch mehr «Moral Hazard» und einem «Free Lunch», also einem risikolosen Gewinn. Die Notenbanken tun «alles», um die Märkte zu stützen. Man spricht in diesem Zusammenhang von einem «fed put». Rationales Verhalten gebietet es, in einer solchen Konstellation möglichst risikoreich anzulegen, um maximal von der Put-Option der Notenbanken zu profitieren. Das Resultat sind stetig steigende Märkte, welche sich immer mehr von den Geschehnissen in der Realwirtschaft abkoppeln. Zur Erinnerung: Es ist an und für sich die Realwirtschaft, welche die Basis für die Finanzmärkte bildet, nicht umgekehrt. Insbesondere aber seit dem Ausbruch der Corona-Krise und der «Bail-Out»-Versprechungen vonseiten der Fiskal- und Geldpolitik hat die Diskrepanz zwischen dem Verhalten der Finanzmärkte und den Fakten in der Realwirtschaft fast absurde Ausmasse angenommen. Was wird diesen Prozess stoppen?

Dies führt zum zweiten Punkt, den «entscheidenden Fragen», welche an dieser Stelle bereits im Sommer 2019 gestellt worden sind. Wie lange sind die Notenbanken 1. willens, und 2. fähig, diese Politik aufrecht zu erhalten? Wir wissen es nicht. Theoretisch beliebig lange. Man kann nur mutmassen.

Nach den noch nie dagewesenen, gigantischen Eingriffen im Frühling 2020 mache ich finanzphilosophisch nun folgende Überlegung:

Wenn die Notenbanken bestimmen, was an den Märkten läuft, weshalb gibt es dann überhaupt noch einen Markt? Wenn Notenbanken damit anfangen, am Markt ETFs zu kaufen, ist dies faktisch Planwirtschaft, in welcher gegeben wird, wem schon hat.

Die Notenbanken pervertieren auf diese Art und Weise die Marktwirtschaft […auch bekannt als Kapitalismus; was aber impliziert, dass der Sozialismus ohne Kapital auskommt, was so nicht ganz korrekt ist. Es ist nur einfach sehr viel weniger.]

Wir leben also in einer gemütlichen Marktwirtschafts-Illusion und geniessen die Früchte der Planwirtschaft. Nur: Die Geschichte zeigt, dass dies kein zukunftsträchtiges Modell ist.

 

AG – 8. Mai 2020

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01.04.2020

Moral Hazard ante portas

In der Bewältigung der Corona-Krise besteht eine relativ breite Einigkeit darüber, dass ein staatlich verordneter Druckabfall noch nie gesehenen Ausmasses mit wirtschaftlichen Massnahmen gleichartiger Dimension neutralisiert werden müssen. Nachdem in Rekord-Tempo und mit einem erfrischenden Pragmatismus ein Kreditmechanismus konstruiert wurde, um viele Schweizer Unternehmen vor der Illiquidität zu retten, ist nun die Zeit gekommen, sich Gedanken über die Rückabwicklung und die Zeit nach dem Corona-Modus zu machen, denn die aktuelle Situation ist wirtschafts-, ja gesellschaftspolitisch brandgefährlich. Staaten übernehmen faktisch grosse Teil der unternehmerischen Risiken nicht nur einer Branche, sondern einer Volkswirtschaft. Ein noch nie dagewesener Vorgang. Die Gefahr für Moral Hazard, für das System ausnützendes Verhalten, ist massiv. Zudem wird auch die politische Linke versuchen, aus der Krise Kapital für ihre Anliegen zu schlagen. Betrachtet man sich die generelle geopolitische Lage vor dem Ausbruch der Corona-Krise, muss man kein Prophet sein, um zu erkennen, dass sich die Welt schon vorher in einer fragilen Lage befunden hat. Lokale und globale Konflikte politischer oder wirtschaftlicher Natur, Cyber-Gefahren, Bio-Gefahren und Migrationsströme destabilisieren die Welt weiter und werden uns früher oder später (wieder) beschäftigen. Die Schweiz muss sich also wappnen. Wie? Erstens mit einer Renaissance der bürgerlichen Tugenden und damit auch der Marktwirtschaft. Zweitens mit Anreizen zur Stärkung der Widerstandsfähigkeit («Resilienz») der Wirtschaft.

Als Erstes fällt der Politik die wichtige Aufgabe zu, den Wählern aufzuzeigen, dass Werte wie Eigenverantwortung, Unternehmertum, Subsidiarität, Gemeinsinn und gesunde Staatsfinanzen eine Gesellschaft stark und widerstandsfähig zu machen. Wir müssen vom «Ideal der komfortablen Stallfütterung» (Wilhelm Röpke) wegkommen und wieder die Mündigkeit der Bürger als Idealbild haben. Denn: Noch funktioniert der Staat. Was passiert, wenn er auch noch ausfällt? Wer schaut dann zu uns? Keine Frage: Wir selbst! Die Stärkung der bürgerlichen Tugenden führt auch zu einer Stärkung des marktwirtschaftlichen Systems. Die Marktwirtschaft bildet die Basis für eine robuste und prosperierende Gesellschaft, welche im Stande ist, Krisen zu bewältigen. Zentralismus und Kollektivismus – wie wir es aktuell im Notfall-Modus sehen – schwächen ein System auf Dauer. «Das liberale Wirtschaftssystem nutzt und entbindet die in dem individuellen Selbstbehauptungsdrang liegende ausserordentliche Kraft, während das sozialistische sie unterdrückt und sich selber im Kampfe gegen sie aufreibt» schrieb eben dieser Röpke 12 Jahre nach dem 2. Weltkrieg. Marktwirtschaftliche Systeme sind widerstandsfähig, weil der Markt der Ideen Innovation und Vielfalt fördert und wirtschaftliche Anreize dazu führen, dass das System produziert, was gebraucht wird, nicht was verordnet wird.

Der clevere, liberale Staat setzt – als zweite Komponente – die Anreize für die Wirtschaftssubjekte schliesslich so, dass umsichtiges Verhalten und Unternehmertum belohnt werden (und vice versa). Moral Hazard entsteht ja erst deshalb, weil es eine Versicherung, also jemand, der den Schaden bezahlt, gibt. Wenn die Wirtschaftssubjekte wissen, dass der Staat im Falle einer Krise eingreifen wird, weil die individuelle Bedeutung des Subjekts oder die Anzahl betroffene Subjekte so gross sind, ist der Nährboden für ein übermässig riskantes Verhalten gelegt. Die öffentliche Hand kann Moral Hazard eindämmen, indem sie dafür sorgt, dass sie gar nicht eingreifen muss, weil die Wirtschaft oder die Wirtschaftssubjekte stark genug sind, um Krisen eines gewissen Ausmasses zu überstehen. Da der Mensch ein eigennütziges Wesen ist, muss der Staat dafür schauen, dass insbesondere Unternehmen Reserven anlegen, um eine gewisse Zeit ohne oder mit nur geringen Einnahmen leben zu können. Die archaische Methode des Anlegens von Reserven kann vorgeschrieben werden oder – noch besser – steuerlich begünstigt werden. Schliesslich und ergänzend braucht es ein klares Bekenntnis der öffentlichen Hand zum Prinzip des «skin in the game», welches besagt, dass Anreize gesteuert werden, indem die Wirtschaftssubjekte etwas (ihre «Haut») zu verlieren haben. Konkret bedeutet dies, dass nicht geholfen wird, wer nicht vorgesorgt hat.

Mit solchen Prinzipien würde beispielsweise auch das moralisch fragwürdige und kurzsichtige Verhalten verhindert, dass gewisse Firmen bei Krisen nach dem Staat rufen, weil sie im Tiefzinsumfeld Obligationen emittiert haben, um mit den gewonnenen Mitteln Aktien zurückzukaufen, anstatt Reserven zu halten.